Vorweg eine Warnung: Dieser Text beansprucht nicht, die in ihm aufgeworfenen Fragestellungen systematisch zu ordnen, zu bearbeiten oder gar (endgültig) zu beantworten.
In jüngster Vergangenheit ist die Gewaltfrage im Kabarett an verschiedenen Stellen prominent in den Raum gestellt worden: Dieter Nuhr, Uwe Steimle, Die Anstalt.
Einer glaubt sich über vermeintliche Zahlenmystik auf der sicheren Seite, dass „die Wahrscheinlichkeit, bei 300 bis 350 Femiziden pro Jahr auf einen Frauenmörder zu treffen“, bei „praktisch null“ liege. Und er deshalb Frauen empfehle: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“ (Dieter Nuhr, 18.06.26, Nuhr im Ersten) Dabei übersieht der Kabarettist in seiner männlich-altruistischen Selbstherrlichkeit nicht nur die Doppelmoral seines Beitrages (dass Femizide keine Einzelfälle sind, sondern aus einem nach wie vor eklatanten geschlechtlichen Machtgefälle resultieren, aber Frauen selbst dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie von Männern ermordet werden, als wenn sie es nicht besser wissen müssten), sondern blendet gekonnt aus, dass der überwiegende Teil von Femiziden innerhalb von Partnerschaften geschieht.
Der andere beklagt sich seit Jahren über seine Degradierung als Jammer-Ossi und hat sich darüber zu dessen Idealtypus entwickelt. Auf einer AfD-Veranstaltung fantasiert er in Zusammenhang mit dem Gemälde der ehemaligen Bundeskanzlerin: „Im Moment hängt sie erstmal. Und wenn alle Stränge reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Uns wird schon was einfallen.“ Und anschließend über den aktuellen Bundeskanzler: „Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.“ (Uwe Steimle, 14.07.26) Der Kabarettist trumpft in diesem Falle nicht nur mit Vernichtungsfantasien auf (eine unliebsame politische Führung wird einfach exekutiert, wenn sie einem nicht in den Kram passt) sondern mit erheblicher historischer Unkenntnis (bekanntermaßen hat der erwähnte Stauffenberg es nicht geschafft sein Attentat erfolgreich durchzuführen – oder ist das der bewusste satirische Kniff von Steimle?).
Im dritten Fall wurde der Musiker Danger Dan mit seinem Lied „Keine Angst“ von der Intendanz des ZDFs von der Sendung Die Anstalt ausgeladen, die sich anschließend kritisch dagegen positioniert hat. Besagter Musiker textet: „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand / Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang / Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n / Wenn ihr zusamm’n kämpft, dann kann es funktionier’n“ und grüßt anschließend mehrere Personen, die in Folge von Gewaltstraftaten gegen Nazis inhaftiert wurden: „Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ (Danger Dan, Keine Angst). Der Unterschied zu den vorherigen zwei Protagonisten: Danger Dan verliert sich nicht in einer Degradierung von Personengruppen oder Vernichtungsfantasien, sondern skizziert ein Szenario welches von ohnehin gesellschaftlich vulnerablen Gruppen als bedrohlich wahrgenommen werden muss und bietet eine Handlungsorientierung der vermeintlichen Selbstermächtigung an. Allerdings übersieht er hierbei, dass es sich bei der AfD nicht um irgendwelche mehr oder weniger versteckt agierenden Nazistrukturen handelt, sondern um eine inzwischen stark etablierte Partei mit entsprechender gesellschaftlicher Verankerung, die nicht trotz sondern wegen ihrer menschenverachtenden Ansichten gewählt wird.
In Anschluss an den Beitrag von Olaf Kirmis (hier) kann zunächst zu Recht gefragt werden, was an dem Phänomen grundsätzlich neu wäre im Kabarett. Kirmis nennt hier Beispiele von Georg Schramm oder Die Partei. Der Unterschied ist in diesen Fällen aber doch ziemlich schnell herleitbar. Georg Schramms Text zu einer möglichen Entführung oder Liquidierung des seinerzeit amtierenden Vorstandschefs der deutschen Bank wurde durch die Kunstfigur Lothar Drombrowski artikuliert. Weitergehend hinterfragt die Figur im selben Programm auch die eigene Gewaltfantasie und deren Potential zur wirklichen Problemlösung. Im Falle Die Partei mit dem Schild „Hier könnte ein Nazi hängen“ lässt sich im Gegensatz zu den oben genannten drei aktuellen Fällen der berüchtigte satirische doppelte Boden erkennen. Dazu kommt die geschickte Formulierung im wertefreiem Konjunktiv. Vernichtungswille sieht wohl anders aus.
Das eigentlich Interessante an allen diesen Beispielen ist doch aber (ob Kunstfigur, satirische Doppeldeutigkeit oder nicht), dass die Frage nach der Schuld oder Legitimität von Gewalt hauptsächlich von Männern vorgetragen wird. Die Unzufriedenheit oder Angst vor den bestehenden oder sich verändernden Verhältnissen wird mal direkter oder indirekter über das Thema der Gewalt verhandelt (ein Umstand, den der Autor auch an seinen eigenen Programmen beobachten kann). Küchenpsychologisch könnte man danach fragen, ob sich hier männliche Allmachtsfantasien Bahn brechen. Das künstlerische Spiel mit der Gewalt als Suggerieren von Stärke, Dominanz und Potenz? Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind ohne Frage gewaltvoll und dementsprechend müssen sie auch Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzungen sein. Und hier wird es spannend: Wie setzt man sich als Künstler (hier ist bewusst die rein männliche Form nur aufgeführt) zu diesen gewaltvollen Verhältnissen in Beziehung? Gerade wenn man vorgibt, gesellschaftskritische Kunst zu praktizieren.
Als Kabarettist:in steht man nicht abseits der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern ist im wahrsten Sinne mittendrin statt nur dabei. Das bedeutet für die eigene Arbeit eine hinreichende Reflektion der eigenen gesellschaftlichen Position (von wo aus spreche ich bzw. in Anlehnung an Nietzsche und Foucault: Wer spricht?). Was letztendlich nichts anderes bedeutet, als sich in den Themenfeldern, die bearbeitet werden, selbst zu verorten und danach zu fragen, welche Funktion man innerhalb dieser Gewaltverhältnisse einnimmt und wie man sich dazu verhalten will. Das hat am Ende unweigerlich Auswirkungen auf die künstlerische Bearbeitung. Hier sei an Bertolt Brechts Methode der produktiven Kritik erinnert: Es kann nicht nur darum gehen, Zustände einfach nur abzulehnen oder zu kritisieren, sondern sie in ihren Widersprüchen sichtbar zu machen. Das bedeutet im ersten Schritt auch immer, die eigenen Widersprüche sichtbar zu machen. Und allzu häufig hat man aber das Gefühl, dass diese Fragen durch (un-)bewusste Ignoranz beantwortet werden. Daraus kann auf der Bühne aber am Ende nichts produktives entstehen. Allerdings beschleicht den Autor das Gefühl, dass in dem einem oder anderen der oberen drei Fälle, diese Fragen vielleicht doch sehr bewusst für sich beantwortet worden sind, deren Konsequenz sich im Gesagtem spiegelt.

