Rede zum 65. Jubiläum der Herkuleskeule

Zuschauer haben nachgefragt, deshalb hier mein Text aus dem
Jubiläumsprogramm der Dresdens Kabarett-Theater Die Herkuleskeule GmbH,
zum 65. Geburtstag – vom 1.Mai 2026


(…) Ich möchte Ihnen von unseren gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Publikum
berichten – unvollständig, skizzenhaft und unausgewogen. Erzählen, was wir als
Ensemble der Herkuleskeule Dresden gerade so erleben – hier im Theater und auf
Tournee.


Als Dieter Hildebrand zusammen mit Werner Schneyder 1985 ein Gastspiel in der
Leipziger Pfeffermühle hatte, berichtete er hinterher vom Unterschied der DDR-
Zuschauer zum westdeutschen Zuschauer: »Die Leute sitzen anders auf den
Stühlen.« Er meinte: Auf der Stuhlkante. Meine Beobachtung seit ein paar Jahren:
Sie tun es wieder. Wir müssen nur die Elefanten im Raum ansprechen, nämlich die
Fragen formulieren, die doch sowieso viele Menschen immer lauter denken und
inzwischen auch aussprechen.


Zum Beispiel:
Warum gibt es in Österreich eintausend Euro mehr Durchschnittsrente? Weil dort alle
in die Rentenkassen einzahlen. Warum nicht in Deutschland?
Oder:
Warum gibt es in diesem Land Milliarden für Kanonen, aber nicht für kostenlose
Schulspeisung?
Oder:
Warum soll es angeblich zwingend nötig sein, das Kinderkrankengeld zu kürzen,
aber unmöglich, eine Vermögenssteuer für das reichste eine Prozent einzuführen?
Oder: Eine einfache Frage, auf die ich keine Antwort habe:
Wenn doch die AfD demokratiefeindlich ist, aber nunmal einen guten Teil der
Ostdeutschen im Bundestag vertritt, ist dann die Gesprächsverweigerung der
anderen Parteien mit eben diesen Volksvertretern demokratiefreundlich?
Was mich am meisten beschäftigt: Wenn keine der anderen Parteien die AfD in der
Regierung haben will, warum machen sie dann mit ihrer Politik so erfolgreich
Wahlkampf für die AfD?


Nächste Frage: Ist es wirklich so eine gute Idee, dass zukünftig ausschließlich die
Gesetzlich Versicherten die Bürgergeldempfänger mitversichern sollen, aber nicht
mehr den eigenen Ehepartner? Wer soll sich da nicht von den Parteien der Mitte
abwenden?


Und warum sprechen Politiker gebetsmühlenartig von »Unserer Demokratie«?
»Demokratie« reicht doch.
Das sind so Fragen. Und wir stellen sie als Fragen.
Ich glaube: Die AfD hat auf keine dieser Fragen Antworten. Aber es ist so: Wir – das
Ensemble – wir können die AfD aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen ablehnen.
Aber dadurch verschwinden weder die Fragen, noch die Menschen, die sie stellen.
Wir stellen diese Fragen auf der Bühne. Wir erleben Zustimmung, Ablehnung und
Angriffe. In Dresden spaltet sich das Publikum. In Kamenz sagen manche
Zuschauer: »Das denken wir hier alle. Was ist daran neu?«


Und noch eine Frage: Warum werden die Retter eines gestrandeten Wals gefeiert,
und Menschen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten, bekommen
Morddrohungen?


Sie merken: Wir wollen weder der AfD recht geben, noch selber Recht haben. Wir
stellen Fragen. Und damit machen wir uns angreifbar.
Peter Ensikat, der in dieser Woche seinen 85. Geburtstag gefeiert hätte, hat gesagt:
»Ein Satiriker, der verletzt, muss sich auch verletzen lassen.« Auch deshalb bitten
wir nach dem Schlussapplaus Andersdenkende, im Foyer auf uns zu warten und uns
ihre andere Meinung persönlich zu sagen. Um ins Gespräch zu kommen. Die
wenigsten tun das. Und die, die so mutig sind, sind meistens Frauen. Die Männer
schreiben ihren Frust anonym in die Google-Bewertungen. Manche schreiben auch,
wir stünden auf der falschen Seite. Im Gespräch könnte ich fragen: Was ist denn die
richtige Seite?


Manche Zuschauer erinnern uns daran, wir Kabarettisten müssten den Leuten den
Spiegel vorhalten. Am besten den anderen Leuten. Das machen wir nicht. Wer
anderen einen Spiegel vorhält, kann selber nicht reingucken. Und wer immer noch
bestreitet, Teil des Problems zu sein, und sich sogar für die Lösung hält, der ist noch
bekloppter als der, der glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen.


Wir bekommen übrigens auch viel Zustimmung. Interessanterweise viel Zustimmung
von Westdeutschen, die uns sagen, die Zustände erinnern sie an früher in der DDR.
Da ich die Zustände in der DDR selbst nicht so gut kenne wie die Westdeutschen,
kann ich dazu wenig sagen. Aber es fällt auf, dass gerade die westdeutschen
Besucher sagen, so eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit
würden sie auf den Kabarettbühnen ihrer Heimat nicht mehr hören.


Wir freuen uns, wenn Zuschauer hinterher sagen, unser Programm war differenziert.
Natürlich geht Differenzierung oft zu Lasten der scharfen Pointe. Denn manche
scharfe Pointe entpuppt sich als zu einfache Antwort. Aber: Einfache Antworten
müssen verweigert werden – wer sie für den schnellen Lacher in Kauf nimmt, wird der
Kompliziertheit der Probleme nicht gerecht.


Aus der Sehnsucht nach Pointen sagen manche Zuschauer auch, wir seien nicht
mehr so scharf wie früher. Ich weiß es nicht. Und natürlich: Manchmal genießen wir
den schnellen Lacher. Ich kann nur hoffen, dass es uns wenigstens noch auffällt.
Einen Text von Konstantin Wecker empfinde ich als eine Richtschnur für unsere
Arbeit. In diesem Text heißt es »Wo alle spotten, spottet nicht.« Eingedenk der so
unterschiedlichen Erwartungen an uns, bleibt uns doch nichts anderes übrig, als
weiter zu spotten, aber dabei immer selber zu entscheiden, worüber wir spotten
sollten und worüber nicht. Lieber mal auf den Beifall verzichten. Oder, wie es
Konstantin Wecker schreibt: »Wenn alle mittun, steht allein.«

Philipp Schaller – künstlerischer Leiter der Herkuleskeule Dresden
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