Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder 1985 Leipzig

Ursprünglich erschienen in: MUSIK · THEATER Leipziger Blätter · Ausgabe 87 · 202593

Heute ist die Aufregung freilich unverständlich. Vor vier Jahrzehnten aber, 1985, mitten im kalten Krieg war der Besuch der auch im Osten durch Fernsehsendungen wie „Scheiben-wischer“ in der ARD weithin bekannten politischen Kabarettisten eine große Überraschung. Die Bevölkerung konnte es kaum glauben, die Funktionäre waren im Ausnahmezustand, und für die Hardliner war der Klassenfeind eingebrochen. Der Initiator Mit Anfang vierzig war Rainer Otto zum Chef der Leipziger Pfeffermühle ernannt worden. Selbst unbeirrter Sozialist, stolz und als Spötter nicht gerade zurückhaltend, war er natürlich SED-Genosse, vor allem aber war er eben Rainer Otto. Er wollte in der Szene eine Duftmarke setzen und holte mit Werner Schneyder und Franz Hohler als erster zwei Kabarettisten aus dem Westen in sein Haus. Der eine war aber aus dem paktfreien Österreich und der andere aus der neutralen Schweiz. Nun fragte er sich: Wie kriege ich den Dieter Hildebrandt in die DDR?

Die Finte

Für die Ideologen war der heitere Spötter und unbestechliche Kritiker Hildebrandt ein rotes Tuch. Zudem kam er aus dem NATO-Land BRD, also aus Feindesland. Otto griff zu einer List und lud Werner Schneyder aus dem blockfreien Österreich ein. Der wollte unter dem Titel „Zugabe Leipzig“ Ausschnitte aus den Duoprogrammen bringen, mit denen er und Dieter Hildebrandt bis 1982 äußerst erfolgreich waren. Dazu brauchte er aber den Partner aus der BRD. Die Leipziger Funktionäre meinten zu Ottos Plan: „Mehr als nein können die ja nicht sagen.“ Gemeint waren die da oben. Denn so etwas entschied der Staat – genauer die Partei. Die Unterschrift Der Pfeffermühlenchef stellte also einen Antrag, und darauf folgte ein fieberhafter Schriftverkehr zwischen Politbüro, Kulturministerium, Zentralkomitee und den Leipziger Genossen. Wie heikel der Vorgang war, belegt in der Korrespondenz der handschriftliche Vermerk „gut aufheben“. Ottos mit viel Mühe ausgedachte Finte spielte im schriftlichen Austausch der Partei keine Rolle.

Aber man sicherte sich ab, und schließlich ging eine Hausmitteilung an den ersten Mann im Staat: „Genosse Kurt Hager [Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Chefideologe und oberster Kulturverantwortlicher] hält es für möglich, eine entsprechende Einladung an die beiden Kabarettisten auszusprechen.“ Auf diesem Schreiben ist mit Datum 15. August 1984 oben rechts von Hand vermerkt: „Einverstanden E. Honecker“.

Der Apparat

Für Kati Hart von den Academixern war das Gastspiel „kein Diplomatenbesuch, das war ein Besuch bei Gleichgesinnten“. In SED-Kreisen war man da geteilter Meinung. Für die einen war das normal und für die anderen, wie gesagt, ein Debakel. Wichtig war da die „Durch-laufprobe mit Möglichkeit der Einflußnahme“, von der Roland Wötzel, ab 1984 Sekretär für Wissenschaft und Erziehung der SED-Bezirksleitung Leipzig, per Fernschreiben Kurt Hager berichtete. „Alles im Griff“ hatten sie aber doch nicht.

Wolfgang Tittel, zweiter Mann vom Rat des Bezirks, kommentierte: „Das hat Roland Wötzel geschrieben, weil man sowas schreiben sollte.“ Was oder ob überhaupt etwas an den Kabarett-Texten verändert wurde, darüber gingen später die Erinnerungen weit auseinander. Heikel wurde es, als das Büro Hager anfragte, wer das Gastspiel überhaupt erlaubt habe. Dabei war doch von dort die Empfehlung an Erich Honecker gegangen. Ob das nun Zerstreutheit war oder bewußte Attacke, blieb unklar.

Die Vorstellungen

Festgelegt waren sechshundert Karten für den freien Verkauf, neunhundert wurden gezielt verteilt. Die Preise waren erschwinglich, nur mußte man Schlange stehen – über Nacht und das mitten im Januar bei 20 Grad minus. Das Programm war der Versuch, Diplomatie und Satire zu verbinden. Alle waren sich der besonderen Situation bewußt, wie Werner Schneyder treffend sagte: „Ich meine, daß die wie wir auch Gelassenheit gemimt haben. Nervös waren alle.“ Deutlicher formulierte es Rainer Otto: „Es stand ja jeden Tag die Frage, dürfen sie abends oder nicht?“ Keine Frage, die Augen der Stasi waren an diesen Tagen überall; eingegriffen hat sie aber

nicht.

Und einen Tonmitschnitt hatte der Kabarettredakteur vom Sender Leipzig, Werner Köhler, angefertigt. Tags drauf wurde er in die SED-Bezirksleitung zitiert. Konsequenz: „Ich hatte den Mitschnitt mitzubringen und abzugeben, und ich mußte versichern, daß es keinen weiteren gibt.“ Das tat er. Als Redakteur vom Sender Leipzig war er natürlich SED-Mitglied – allerdings entschied er sich aber in diesem Fall nicht für die Partei, sondern fürs Kabarett, und hatte bereits vorsorglich eine Kopie an sich genommen.

Der Kollegenabend

Nach den fünf Vorstellungen zwischen dem 10.und 13. Januar 1985 in der Leipzig-Information auf dem Sachsenplatz gab es noch eine sechste, organisiert vom Theater-verband der DDR im Academixer-Keller. Und die war denkwürdig, wie Katrin Hart sich noch heute lebhaft erinnert. „Das allerspannendste war, als sie noch gar nichts gemacht hatten, nur durch den Vorhang gegangen sind […] Das hat in allen eine solche Welle von Begeisterung ausgelöst.“ Ein nahezu unwirklicher Moment. In einem der berühmtesten „Wohnzimmer“ der Szene standen zwei Prominente, die man noch vor Tagen genau dort nicht vermutet hätte. Dieter Hildebrandt befürchtete, die Kollegen würden sie nicht gelten lassen. Aber wie Werner Schneyder sagte: „Das war nun so, daß die „Wiederkommen“ gerufen haben am Schluß. Das war unglaublich bewegend.“ Für Peter Ensikat, ostdeutscher Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist, war der Abend eine einzige Verbrüderung, und Dieter Hildebrandt schwärmte: „Ich war gerührt und ich war überwältigt. Einer der schönsten Abende, die ich in meinem Berufsleben gehabt habe.“ Und so stand es dann auch ganz oben auf seiner Homepage. Hildebrandt hat später in einem Interview gesagt: „Das war unglaublich: Die Leute saßen vornübergebeugt auf der äußersten Stuhlkante, Augen und Ohren weit geöffnet, und reagierten auf die kleinste Anspielung, ja, manchmal gab’s einen Lacher an Stellen, die wir gar nicht als Seitenhieb gegen das DDR-System gemeint

hatten – erst durch die Reaktion des Publikums wurde uns klar, dass man das auch als Anspielung verstehen konnte.“

Die Freizeit

Mit den Mitteln der Gastfreundschaft wollte man das Duo unter Kontrolle halten. Direkte Begegnungen mit „Bürgern der DDR“ sollten vermieden werden. Aber das war illusorisch. Christa Schwarz, Leiterin vom Interhotel Zum Löwen, in dem die beiden Kabarettisten untergebracht waren, erinnert sich: „Es kamen Leute in die Lobby und wollten Dieter Hildebrandt sprechen.“ Von Seiten der Stadt sollte Wolfgang Tittel betreuen. Aber im Grunde war der Gastgeber der Mühlen-Chef Rainer Otto. Er zeigte Leipzigs Ratsschatz und ließ es sich nicht nehmen, die Gäste ins neue Gewandhaus zu führen; er hatte sogar für ein kleines Konzert von Gewandhausorganist Matthias Eisenberg gesorgt. Sonst stand Heiderose Seifert, Gewerkschaftsfrau im Pfeffermühlen-Ensemble, den Gästen zur Seite. Sie erlebte die Tage als „emotionalen Ausnahmezustand“. Besonders berührt hatte sie, von

Hildebrandt und Schneyder ganz natürlich „als Kabarettistin und Kollegin respektiert“ worden zu sein. Unvergeßlich blieben vor allem die kleinen Geschichten an diesen Tagen. Manches lief unter der Hand ab, so etwa, dass trotz ausdrücklichen Verbots der Mühlenpianist Hartmut Schwarze den mitgereisten Musiker Christoph Pauli zu sich nach Hause einlud. Dann war da eine freundliche Frau, die vor der Veranstaltung Werner Schneyder Blumen überreichte. Sie hatte zwar keine Karten ergattern können, aber Blumen solle er doch bekommen. Demü-tigend war für Schneyder, daß auch er ihr keine besorgen konnte. Und nicht zu vergessen all jene auf der Straße, die mit einem Autogramm der beiden das unglaubliche Aufeinander-treffen festhalten wollten. Oder ebenso die überraschten Blicke der Passanten.

Die Presse

Jochen Pommert, in der SED-Bezirksleitung Leipzig für Agitation und Propaganda verantwortlich, erließ die Order, das Gastspiel totzuschweigen. Durch Winkelzüge ist es dennoch ausgiebig medial überliefert. Die Zeitschrift „Unterhaltungskunst“ vom Henschelverlag, übrigens der einzige Theaterverlag in der DDR, hatte berichtet und danach behauptet, von Verboten nichts gewußt zu haben. Für viel mehr Aufregung hatte aber gesorgt, daß etwa ein Dutzend namhafte Pressevertreter aus dem Westen akkreditiert waren. Da konnte man nicht viel verhindern. Als Peter Merseburger eine Drehgenehmigung für nur fünf Minuten bekam, zeichnete er weitaus mehr auf und begründete das gegenüber dem Verantwortlichen Arnulf Eichhorn von der SED-Bezirksleitung damit, daß er einfach mehr für den Schnitt brauche. In der ARD sendete er dann alles.

Harald Pfeiffer
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