Die Tollense-Stichlinge kriegen sich (nicht) ein

Am 18.10.2025 präsentierten die Tollense-Stichlinge unter der Regie von Karin und Bernd Fuhrmann ihr inzwischen 31. Kabarettprogramm seit 1993 auf der Bühne des Latüchts in Neubrandenburg.

Der Programmtitel „Wir kriegen uns ein“ ist ernst zu nehmen. Die zunehmende Militarisierung und Mobilmachung der Gesellschaft bilden den Fixpunkt des knapp 90-minütigen Abends. Im klassischen Stil des Nummernkabaretts jongliert das Ensemble aber auch mit Themen der Gesundheitsversorgung, Erziehung und Verschwörungstheorien.

Das Publikum im ausverkauften Latücht, welches sich zur Premiere eingefunden hat, weiß natürlich was es an den Tollense-Stichlingen haben. Schon kurz nach dem Entree ist man auf stabiler Betriebstemperatur der Heiterkeit angelangt. Diese wird sich im weiteren Verlauf steigern und mit den Rentnernummern am Schluss in Lachkrämpfen münden. Das ist nicht nur den klugen Texten geschuldet, sondern im großen Maße der darstellerischen Leistung des Ensembles zuzurechnen.

Von Grimassen und Verrenkungen

Juliane Berlin, Freya Bülow und Matthias Seelow bilden seit drei Jahren den kontinuierlichen Kern der Gruppe. Mit Anna Quaschning kann seit diesem Programm ein Neuzugang verzeichnet werden. Berlin, Bülow und Seelow sind alle bühnenerfahrene Protagonisten, die schon in früheren Jahren bei den Stichlingen agierten. Über die letzten beiden Programme hat sich das Dreiergespann gefunden und aufeinander eingespielt. Das kann schnell zu einer Herausforderung für Neuankömmlinge in einer Gruppe werden. Es darf aber konstatiert werden, Anna Quaschning hat die Herausforderung nicht nur bereitwillig angenommen, sondern sich souverän zwischen den „Stichlingveteranen“ behaupten können.

Die Spieler*innen ziehen in den Szenen alle Register: Von weit aufgerissenen Augen und Mündern bis zur Rolle rückwärts bieten die Stichlinge alles an Körpereinsatz auf, wofür man sie im Publikum kennt und gebührend feiert. Freya Bülow ist in Rollen zu sehen, die für sie ungewohnt sind und bekommt die Gelegenheit, ihre spielerische Vielfalt unter Beweis zu stellen. Das gesamte Ensemble steht dem in Nichts nach und offeriert den Zuschauenden eine Vielzahl an (wiederkehrenden) Figuren. Mitunter fehlt es den Figuren an differenzierter Charakterzeichnung, was allerdings von der schauspielerischen Stärke des Ensembles aufgewogen wird.

Altbewährtes im neuen Gewand: Vom Jugend- zum Erwachsenenkabarett

Karin und Bernd Fuhrmann haben das Programm erneut in klassischer Stichlingstruktur angelegt. Gerahmt von einem musikalischen Entree und Finale, findet sich diesmal sogar in der Mitte des Programms ein Duett. Angesichts der begrenzten musikalischen Möglichkeiten der Gruppe ein gewagtes Unterfangen, welches sich aber angesichts der Liedauswahl und parodistischen Umsetzung mehr als auszahlt. Im Gegenzug zu vorherigen Programmen hat man mit der Thematik der Militarisierung in einer Vielzahl an Szenen einen deutlichen Schwerpunkt gesetzt. Das Figuren wiederkehrend im Programm zu erleben sind, ist eine weitere Neuerung innerhalb der Dramaturgie.

Eine Vielzahl der Szenen stammt aus der Feder von Juliane Berlin. Das macht sich hinsichtlich der Themenbearbeitung bemerkbar, bei der sich mehr Tiefe als in vergangenen Programmen zugetraut wird. Statt auf die schnelle Pointe zu setzen (keine Sorge, von denen gibt es immer noch reichlich), traut man sich und dem Publikum mehr Raum für Nachdenklichkeit zu. Dieses Programm ist nicht nur angesichts seiner inhaltlichen und darstellerischen Leistung absolut empfehlenswert, sondern ist ein wesentlicher Schritt im Entwicklungszyklus der Tollense-Stichlinge. Einst als Kinder- und Jugendkabarett viele Jahrzehnte für eine gelungene Nachwuchsarbeit maßgeblich prägend, durchläuft das Ensemble nun eine Metamorphose zum (jungen) Erwachsenenkabarett von dem wir hoffentlich noch einiges erwarten dürfen.

Steffen Hagemann
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