Deutschland – Ein Wintermärchen 2025

Eine Aktualisierung der satirischen Versepen von Heinrich Heine aus dem Jahr 1844 von Erhard Jöst

Fast zwei Jahrhunderte vergangen warn
seitdem ich Deutschland besuchte,
weshalb ich beschloss wieder hinzufahrn
und eine Reise buchte.
Die Pferdekutschen verkehren nicht mehr,
man fährt jetzt viel rasanter
zu Land, übers Wasser und durch die Luft,
die Fahrzeuge sind markanter.
Und als ich in deutsche Lande kam,
da ward mir seltsam zumute:
Die gesprochene Sprache, die ich vernahm,
sollte deutsch sein, wie ich vermute.
Doch war es ein grausig Kauderwelsch
mit dumpfen Wortgebilden,
die wirklich niemand recht verstand,
noch nicht einmal die wilden
Raben. Sie schüttelten heftig ihren Kopf
und klapperten mit dem Schnabel
und schnappten heftig nach jedem Kropf
wie einst beim Turmbau zu Babel.
Der Stuttgarter Bahnhof war erstes Ziel,
das ich ansteuern wollte,
doch sah man leider gar nicht viel
von der Halle, die dort stehen sollte.
„Seit Jahrzehnten warten wir hier,“
klagten die wackeren Schwaben,
„vergeblich auf die Bahnhofs-Zier,
die sie uns versprochen haben.“
Vom Bahnsteig ging´s in den Untergrund,
Geröll und Schutt in Massen,
und ich beschloss aus diesem Grund
die Stadt schnell zu verlassen.
Ich fuhr dann mit der Bimmelbahn
weiter in Richtung Norden
in die verdrießliche Stadt Heilbronn,
zu sehn, was aus ihr geworden.
Zuerst ging ich an den Neckarstrand,
um gründlich zu meditieren.
Es gingen dort Paare Hand in Hand
mit Kind und Hund spazieren.
Ich war erstaunt, dass sie all
Tüten bei sich tragen,
weshalb ich höflich in einem Fall
voll Neugier stellte Fragen.
Kann man hier bunte Waren kaufen
wie Schuhe, Kleidung, Hemden?
Oder wozu möchten Sie
die Tüten denn verwenden?
Die Menschen sahn mich verwundert an
und antworteten beim Laufen:
Wir haben doch auch Schaufeln dabei!
Wir sammeln die Hunde-Haufen.
Ich sah in die stinkigen Tüten hinein
und konnte es wirklich nicht fassen:
Sie waren voller Scheißerein,
die Hunde gezielt hinterlassen.
Nun suchte ich nach dem neuen Geschlecht,
ganz ohne Schminke und Sünden,
auf das ich gehofft, denn ich wollte ihm echt
die Botschaft der Göttin verkünden.
Doch was ich dann sah, verschlug mir die Sprach,
ich konnte es wirklich kaum fassen:
Ich stöhnte lediglich Weh und Ach
beim Anblick der Menschenmassen.
Denn diese kleideten sich recht knapp,
ließen Stellen am Körper ganz frei,
man sah schwarze Bilder und Papperlapapp
und als Blickfang manch Arschgeweih.
Die Menschen waren tätowiert.
Auch trugen sie Nasenringe.
Das Haar war zu einem Nest frisiert,
dort sah man noch andere Dinge.
Im Rathaus hat mich der OB
im Großen Ratssaal empfangen
zum Eintrag in das Goldene Buch,
sonst hatte er kein Verlangen.
Die Dezernentin für Kultur und Kunst
war bei dem Termin nicht dabei.
Von Heine habe sie keinen Dunst,
da sie nicht belesen sei,
begründete sie ihre Abwesenheit
und fügte schnippisch hinzu,
„mit Literaten gibt es eh nur Streit“,
man lasse sie besser in Ruh.
Man habe ein Schloss und auch ein Archiv
am Heilbronner Trappensee,
dort lägen die Schriften im Wasser ganz tief
und täten so niemandem weh.
„Wir lagern bei uns sowieso alles ein,
was nicht nach oben gehört,
auch wenn der grüne Umweltschutz
sich an dieser Sache sehr stört.
Wir lagern Asbest und auch Dioxin
in unserem Salzbergwerk.
Die mit Gift aufgefüllten Deponien
bewacht streng ein Gartenzwerg.“
Die Auskünfte haben mich schwer entsetzt
und ich fragte die Stadtverwaltung:
„Kennt Ihr denn keine Nachhaltigkeit,
zeigt niemand beim Umweltschutz Haltung?
Die Hypothek, die Ihr hinterlasst,
belastet folgende Generationen.
Ihr macht Euch bei denen zutiefst verhasst.
Die künftig die Erde bewohnen.“
„Das ist uns ganz gleich, sagte der OB,
wir werden`s ja gar nicht erleben.
Wenn unsern Enkeln der Giftberg nicht passt,
können sie ja die Gifte ausheben.“
Diese Einstellung fand ich katastrophal,
wollt sie der Regierung melden,
stieß bei ihr aber auch auf taube Ohrn,
denn sie lebt in anderen Welten.
Sie zielt nun wieder auf Krieg und Sieg
und will eine Streit-Macht werden.
Sie fordert von Deutschland Kriegstüchtigkeit
und möchte die Rüstung stärken.
Das grausame preußische Militär
mit seinen Kriegen und Toten
hatte Deutschland immer nur Unglück gebracht
und wurde fünfundvierzig verboten.
Doch galt das Verbot nur kurze Zeit
nach dem verheerenden Kriege,
jetzt ist die Nation wieder kampfbereit
und braucht neue Waffen und Siege.
Nachdem die Deutschen im Jahrhundert zuvor
die Kriege verloren hatten,
hielten sie sich eine Zeitlang zurück
in der Produktion von martialischen Waffen.
„Doch diese Einstellung war großer Mist“,
sagt heute der Herr der Soldaten,
der Minister, der für Kriege zuständig ist.
Und er sucht nach hilfreichen Paten.
„Die Franzosen waren einst unser Feind,
doch sind sie es längst nicht mehr:
Die Bedrohung für unser deutsches Land
die kommt jetzt von anderswo her.
Wer Deutschland heute überfällt,
wie neunzehnneununddreißig die Polen,
muss wissen, dass er verlieren wird:
Er kann bei uns wirklich nichts holen.“
Die Deutschen kämpfen mit Leidenschaft
für die, die sie jeweils regieren.
Mal ist es ein Kaiser, mal ein Führer, der es schafft
sie auf das Schlachtfeld zu führen.
Wo ziehen sie aber dieses Mal hin?
Zu den Russen oder zu den Afghanen?
Welche Länder versprechen heute den höchsten Gewinn
für die Wirtschaft mit den deutschen Fahnen?
Wer gibt ihnen heute den Einsatzbefehl?
Wer liefert ihnen Panzer und Waffen?
Wer wird diesmal Gröfaz auf dem Weg in die Höll?
Und helfen auch wieder die Pfaffen?
„Es geht uns doch nur um die Demokratie,
die muss uns erhalten bleiben!“,
das rufen die Bosse der Industrie,
die den Waffenhandel betreiben.
Fürs erste hab ich genug gehört
über kriegsgeile Machenschaften.
Ich wende mich ab, denn ich bin empört
über die Menschen, die sie entfachten.
Ich weiß nun, was man in Deutschland braucht:
Eine neue Friedensbewegung.
Es wird Zeit, dass man ihm wieder Hoffnung einhaucht
auf Humanität und Begegnung.
Deshalb, liebe Freunde, rate ich euch:
Verweigert den Kriegsdienst in Massen.
Deutschland soll freundlich und friedvoll sein
und die Hetze für den Krieg unterlassen.

Erhard Jöst
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