Das waren noch Zeiten, als Kabarettisten und Publikum ein Ei und ein Kuchen waren. Als man sich einig war in der Ablehnung von „denen da oben“. Als am Ende der Vorstellung das Publikum unisono Beifall klatschte und allen klar war, die Kabarettisten haben gesagt, was wir alle denken. Zufrieden gingen beide Seiten nach Hause. – Vorbei die Zeiten! Oder doch nicht? In Wirklichkeit hat es sie wohl niemals gegeben. Was in den Köpfen vor sich ging und auf welche Sachverhalte oder welche Personen der geneigte Zuschauer die Pointe der Kabarettisten gerade bezog, blieb sein Geheimnis. Daran ist genaugenommen nichts Schlechtes und eigentlich ist es ja auch egal oder?
Na ja, von mancher Seite möchte man ja eigentlich keinen Beifall bekommen. Wenn ich mich als Kabarettist auf der Bühne zum Thema Russland äußere, und mir künftig und hoffentlich wieder bald, gute Beziehungen zu Russland wünsche, ist man im Schlimmsten Falle Putin-Versteher. Im etwas günstigeren Fall ist man AFD nahe. Aber heißt dass, das ich mir darüber denn keine Gedanken mehr machen darf?
Es beeindruckt mich schon, wie Kabarettisten der neuen Generation agieren, mit welcher Sprache, mit welchen Stilmitteln, mit welcher Technik – einerseits! Andererseits erschreckt es mich ein wenig, wie „fertig“ und selbstsicher sie gelegentlich in ihren Aussagen sind. Nicht ein Hauch von Selbstzweifel ist zu spüren. Ich finde Selbstzweifel aber ausgesprochen wichtig und ich finde, diesen muss das Publikum auch spüren. Ich möchte jedenfalls nicht zu der Kategorie der Kabarettisten gehören, von denen das Publikum sagt, sie gingen dahin, weil der ja endlich mal „die Wahrheit“ sagt. Es sind ja nur „meine Wahrheiten“ und die müssen noch lange nicht die Wahrheit aller Zuschauer sein.
Schaut man sich in der Kabarettszene um, stellt man fest, dass es doch sehr unter-schiedliche Wahrheiten unter den Kabarettisten gibt. Auch daran ist nichts Schlimmes. Wir müssen uns auch als Kabarettisten nicht immer einig sein. Und auch nicht mit den Zuschauern. Natürlich ist es immer schön gewesen, wenn das Publikum applaudiert hat und beim Rausgehen noch ein paar anerkennende Worte losgeworden ist. Aber gewünscht habe ich mir schon manchmal, dass mal jemand kommt und sagt: „Also das sehe ich ja ganz anders!“ Warum? Weil es zwingt, sich mit den eigenen Argumenten, derer man sich ja so sicher ist, auseinanderzusetzen (siehe auch Selbstzweifel).
Warum das alles? Weil ich nicht verstehe, warum es Tendenzen gibt, die präventiv Künstler nicht auftreten lassen wollen, weil sie dieses oder jenes sagen oder gesagt haben sollen. Weil öffentlich Vorwürfe erhoben werden, die den potenziellen Zuschauern bereits erklären, was sie über diese Aufführung zu denken haben. Und weil ich diesen Gruppen das Recht abspreche mir vorzuschreiben, mir selber ein Bild davon zu machen. Für gewöhnlich artikuliert sich hier eine laute Minderheit, dessen man sich auch bewusst sein sollte, um nicht selber wie ein Kaninchen vor der Schlange zu hocken. Die Gefahr sich dabei selber einzuschränken ist nicht zu unterschätzen. Vielleicht haben diese Gruppen ja auch Recht. Vielleicht aber auch nicht. Das aber möchte ich schon für mich selber entscheiden
Damit sind wir beim Thema. Uwe Steimle, der wahlweise als Rechter, Coronaleugner oder Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird, und den man inzwischen in einigen Städten vorsichtshalber besser nicht auftreten lässt oder nicht wünscht, dass er es tut.
Großes Gerangel im Jahre 2022 zwischen dem „Bündnis gegen Rechts“ und dem Betreiber des Steintor Varietés in Halle, Rudenz Schramm, der seinerseits für die Linken im Stadtrat sitzt. An sich schon eine surreale Ausgangssituation, möchte man hier doch Einigkeit vermuten. Ihm hielt man jedoch vor Uwe Steimle eine Bühne für seine Thesen zu bieten.
Da haben wir nun den Salat. Was macht man in diesem Falle? Vielleicht sich eben dann doch das Programm anschauen?! Ich hatte die Gelegenheit, dieses am 04.12.2022 in Aschersleben im Bestehornhaus zu tun. Als ich kurz vorher noch mal auf den Programmtitel sah, wähnte ich mich im falschen Programm. „Hören sie es riechen“ – die Geschichte des Dresdner Stollens, ließ mehr auf ein Weihnachts- denn ein Kabarettprogramm schließen. Am Ende war es ein hochpolitisches, weihnachtlich umrahmtes Kabarettprogramm und man fragt sich verwundert: War das jetzt eine konspirative Veranstaltung? Und bestätigte Uwe Steimle in diesem Programm die gegen ihn erhobenen Vorwürfe? Die Antwort von meiner Seite lautet: In diesem Programm nicht.
Dabei gefiel mir bei weitem nicht alles, was Uwe Steimle da präsentierte und wie er es gelegentlich tat. Er hat viele plakative Ansätze, die man je nach Ansicht teilen oder ablehnen kann. In jedem Falle gehörten sie nach meiner Auffassung vertieft sonst bleiben es Parolen. Natürlich ist er auch Grenzgänger und lässt Deutungen zu. Das aber ist keine spezifische Eigenheit von Uwe Steimle. Sätze wie: „Ein Land, welches sich von einem anderen Land seine Energiepolitik vorschreiben lässt, kann nicht unabhängig sein“, kann man durchaus diskutieren ohne selber Verschwörungstheoretiker zu sein. Wenn man will, kann man genau diesen Satz auch als Beweis dafür sehen. Auch der Satz: „Corona war eine Kapitalismus-insolvenzverschleppung“ klingt erstmal gut, wird aber nicht näher von ihm erläutert. Man hätte doch schon gerne gewusst worin diese besteht.
Aber das alles sind keine Gründe, diese Veranstaltung nicht durchzuführen. Und wollte man die Klischees weiter bedienen, bliebe für diese Programm auch genug Interpretations-spielraum für linksradikale Positionen. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit, dass Künstler und Publikum sich im Anschluss zu einem Gespräch treffen. Spätestens hier wäre dann die Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen, anstatt mit fertigen Denkmustern Veranstaltungen gar nicht erst stattfinden zu lassen. Sonst bleibt alles beim Schubladendenken.
Die sind eben heute sehr schnell aufgemacht, wie auch das Beispiel des Münchner SPD-Stadtrates und Kabarettisten Roland Hefter zeigt. Hefter hatte sich mit einem Lied, in dem er sich kritisch zum gendern geäußert hatte, reflexartig in die rechte Ecke stellen lassen müssen. Solche pauschalen Reaktionen sind für eine Diskussionskultur einfach zu billig, weil es lediglich ums rechthaben geht und man nicht gewillt ist Gründe für die Kritik am gendern zu hinterfragen. Über die Art wie Menschen sprechen, diese dann auf bestimmte Positionen zu reduzieren, halte ich persönlich für höchst gefährlich. Dieser könnte eine Art selbs-terfüllende Prophezeiung innewohnen. Nach dem Motto: „Wenn sowieso alle denken, dass du fremdgehst, kannst du es auch tun!“
Leider ist es leichter sich hinter Schlagworten zu vereinigen, als ein Thema dezidiert zu diskutieren. Und zwar nicht in virtuellen Netzwerken, sondern von Angesicht zu Angesicht. Komplexe Dinge sind nun mal nicht mit 250 Zeichen auf „X“ zu fassen. Für mich sind das alles sichtbare Zeichen des Verfalls einer Diskussionskultur, die auch in diversen Talkshows erlebbar sind. In Ecuador, in dem ich ein halbes Jahr lebte, hatte ich eine Losung an der Wand gelesen:
„Das beste soziale Netz ist ein runder Tisch an dem Menschen sitzen und sich unterhalten!“

